Rückkehr, Rückübernahme und Menschenrechte: Ein Gespräch mit dem Europaabgeordneten Jan-Christoph Oetjen über Azmanis Bericht

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ASSEDEL sprach mit Jan-Christoph Oetjen, Mitglied des Europäischen Parlaments aus der Fraktion Renew Europe, über den kürzlich verabschiedeten Bericht zu Rückführung und Rückübernahme, die politischen Verhandlungen, die ihm vorausgingen, sowie die Bedenken, die er für Migrantinnen und Migranten, Asylsuchende und Geflüchtete in der gesamten Europäischen Union aufwirft.

Oetjen erläuterte zunächst den Verhandlungsprozess, der zum endgültigen Text führte. Die Europäische Kommission hatte ihren Vorschlag vorgelegt, wobei Malik Azmani, ein liberaler Europaabgeordneter aus den Niederlanden, als Berichterstatter fungierte. Nach Angaben Oetjens bestand das ursprüngliche Ziel darin, eine breite zentristische Mehrheit zu bilden, die Liberale, Sozialdemokraten und Christdemokraten zusammenbringt.

Dieser Konsens scheiterte jedoch letztlich. Oetjen erklärte, dass die Unterschiede zwischen den Sozialdemokraten und den Christdemokraten zu groß gewesen seien, insbesondere bei zentralen Aspekten der Rückführungs- und Rückübernahmepolitik. Kurz vor Abschluss der Verhandlungen legten die Christdemokraten alternative Kompromissänderungsanträge vor, die, so Oetjen, gemeinsam mit rechtsextremen Fraktionen vorbereitet worden seien. Diese Kompromisse wurden später im Ausschuss mit Unterstützung der Christdemokraten und rechtsextremer Parteien angenommen.

Bedenken hinsichtlich Inhaftierung und Grundrechten

Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Frage, ob der Bericht den Weg für eine aggressivere Durchsetzung von Rückführungsmaßnahmen in Europa ebnen könnte, ähnlich dem mit der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE verbundenen Modell. Oetjen warnte davor, dass die Position des Parlaments den Mitgliedstaaten einen weitreichenden Ermessensspielraum bei der Umsetzung der Rückführungs- und Rückübernahmeregeln einräumt. Insbesondere verwies er auf eine mögliche Ausweitung der Inhaftierung sowie auf den Einsatz neuer Methoden zur Identifizierung und Abschiebung von Personen, die kein Aufenthaltsrecht mehr in der EU haben.

Obwohl er nicht davon ausging, dass Europa zwangsläufig das amerikanische Modell übernehmen werde, äußerte er die Sorge, dass bestimmte nationale Praktiken grundlegende Menschenrechte beeinträchtigen könnten. Für Renew Europe seien diese Risiken ernst genug, um den Text in seiner derzeitigen Form abzulehnen.

Eine gespaltene Abstimmung und zwei Gründe für die Ablehnung

Der Bericht wurde mit 41 Ja-Stimmen gegenüber 32 Nein-Stimmen angenommen, was die tiefen politischen Spaltungen im Parlament widerspiegelt. Oetjen erklärte, dass seine Ablehnung des Berichts auf zwei Hauptgründen beruhte: dem Verfahren und dem Inhalt.

Erstens kritisierte er den Verhandlungsprozess. Seiner Ansicht nach hätte ein Gesetz von solcher Bedeutung auf einer breiten Mehrheit innerhalb der politischen Mitte basieren müssen. Die Sozialdemokraten, so Oetjen, hätten die Vorlage nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern um mehr Zeit für Verhandlungen gebeten. Die rechte Seite des Parlaments habe sich jedoch geweigert, diese zusätzliche Zeit zu gewähren, wodurch ein ausgewogenerer Kompromiss verhindert worden sei.

Zweitens äußerte Oetjen inhaltliche Bedenken. Er räumte ein, dass die EU wirksame Rückführungsverfahren für Personen benötigt, die kein Recht auf einen Verbleib in der Union haben. Gleichzeitig lehnte er Bestimmungen entschieden ab, die eine Zusammenarbeit mit Drittstaaten in einer Weise ermöglichen könnten, die dazu führt, dass Menschen gegen ihren Willen überstellt werden – auch bevor ihre Asylanträge ordnungsgemäß geprüft wurden. Für ihn untergräbt dies einen grundlegenden Grundsatz des europäischen Rechtssystems: das Recht, Asyl zu beantragen und eine individuelle Prüfung des eigenen Falls zu erhalten.

Risiken für Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete und Asylsuchende

Mit Blick auf die Zukunft warnte Oetjen, dass die Auswirkungen des Berichts maßgeblich davon abhängen werden, wie die Mitgliedstaaten ihn umsetzen. Genau darin liege eine der Schwächen des Textes: Statt einen kohärenten europäischen Ansatz zu schaffen, bestehe die Gefahr, dass die Fragmentierung innerhalb der EU weiter zunimmt.

Er verwies auf bestehende oder sich entwickelnde Kooperationsvereinbarungen mit Drittstaaten, darunter Gespräche zwischen Österreich und Usbekistan sowie das bereits bestehende Modell zwischen Italien und Albanien. Seiner Ansicht nach werfen solche Vereinbarungen ernsthafte Fragen hinsichtlich der Behandlung von Asylsuchenden und des Schutzes ihrer Verfahrensrechte auf.

Oetjen zeigte sich insbesondere besorgt darüber, dass mehr Menschen inhaftiert oder abgeschoben werden könnten, ohne dass ihr Asylantrag ordnungsgemäß geprüft wurde. Er betonte, dass das Recht auf eine Prüfung des eigenen Falls nicht mit einem automatischen Anspruch auf Asyl gleichzusetzen ist, jedoch eine wesentliche Schutzgarantie in jedem demokratischen Rechtsstaat darstellt.

Die Notwendigkeit einer strengen Überwachung durch die Kommission

Auf die Frage, was getan werden müsse, um die Achtung der Menschenrechte sicherzustellen, verwies Oetjen auf den umfassenderen EU-Pakt für Migration und Asyl, den die Mitgliedstaaten nun umsetzen müssen. Er stellte fest, dass der Pakt wichtige menschenrechtliche Schutzmechanismen enthält, vertrat jedoch die Auffassung, dass der Bericht zu Rückführung und Rückübernahme in diesem Bereich einen Rückschritt darstellt.

Da über den Bericht bereits abgestimmt wurde, erwartet Oetjen nicht, dass die Europäische Kommission die Angelegenheit erneut aufgreift oder wesentliche Änderungen an der Verordnung vorschlägt. Stattdessen betonte er, dass die Kommission genau überwachen müsse, wie die Mitgliedstaaten die Regeln in der Praxis anwenden.

Für Oetjen besteht die wichtigste Aufgabe nun darin, sicherzustellen, dass die nationale Umsetzung nicht zu einer Aushöhlung der Grundrechte führt. Die Kommission, so argumentierte er, trägt die Verantwortung dafür, dass die grundlegenden Menschenrechte während der gesamten Rückführungs- und Rückübernahmeverfahren geschützt bleiben.

ASSEDEL mit Sitz in Straßburg und einem klaren Engagement für die Förderung der Menschenrechte und europäischer Werte verfolgt weiterhin die politischen und gesellschaftlichen Debatten, die die Zukunft von Migration, Asyl und Grundrechten in Europa prägen, und macht auf diese aufmerksam.

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