
Am 23. April veranstaltete ASSEDEL eine aufschlussreiche Schulung mit dem Titel „Die Rolle der Automatisierung im internationalen Menschenrechtsschutz: Eine Analyse von Fikfak & Helfer“. Die Sitzung, die sich mit der zunehmenden Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) in internationale Justizsysteme – insbesondere den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) – befasste, wurde auch per Livestream übertragen und steht nun als Aufzeichnung auf dem YouTube-Kanal von ASSEDEL zur Verfügung.
Die Schulung baute auf der wegweisenden Arbeit der Rechtswissenschaftler Fikfak und Helfer auf, die die Herausforderungen und Chancen von KI im Bereich der menschenrechtlichen Rechtsprechung untersuchen.
Ein Gericht unter Druck: Die aktuelle Lage
Der EGMR sieht sich derzeit mit einer nie dagewesenen Flut von Beschwerden konfrontiert – eine Situation, die sich durch den Abzug der russischen Richter nach dem Austritt Russlands aus der Europäischen Menschenrechtskonvention im Jahr 2022 noch verschärft hat. Da russische Fälle nun nach Genf umgeleitet werden und der Personalmangel zunimmt, ist die Debatte über Automatisierung und KI immer dringlicher geworden.
Kann KI helfen? Und sollte sie es?
In der Schulung wurden verschiedene Möglichkeiten erörtert, wie KI Gerichtsverfahren unterstützen oder straffen könnte:
- Transkription handschriftlicher Beschwerden in digitale Formate;
- Übersetzung von Rechtsdokumenten, wobei emotionale Nuancen, die in Menschenrechtsfällen essenziell sind, oft verloren gehen;
- Bündelung ähnlicher Fälle nach Themen oder Komplexität;
- Entwicklung von Entscheidungsbaum-Algorithmen zur Beurteilung von innerstaatlichen Rechtsbehelfen, Schadensersatz, Zulässigkeit und vielem mehr.
Trotz potenzieller Effizienzgewinne betonten die Teilnehmenden, dass eine menschliche Aufsicht unerlässlich ist. Die auf dem Spiel stehenden Werte, die Unumkehrbarkeit vieler EGMR-Entscheidungen und die Notwendigkeit der Rechenschaftspflicht machen deutlich, dass KI in einem so sensiblen Kontext nicht unabhängig agieren kann – und sollte.
Technische Herausforderungen & ethische Dilemmata
Ein angesprochenes Paradoxon war die verbleibende Abhängigkeit des Gerichtshofs von papierbasierten Systemen. Viele Beschwerdeführer reichen ihre Anträge nach wie vor auf dem traditionellen Postweg ein, die anschließend vom Gerichtspersonal manuell in digitale Systeme übertragen werden müssen. Dies wirft wichtige Fragen zur Barrierefreiheit und zur digitalen Chancengleichheit auf.
Ein weiteres großes Bedenken ist das Fehlen technologischer Expertise unter den Richtern sowie das Risiko einer Automatisierungsentscheidung (Automation Bias) – also die Tendenz, algorithmische Ergebnisse ohne ausreichende Prüfung zu akzeptieren. Dies unterstreicht die dringende Notwendigkeit von Schulungen zur Datenkompetenz (Data Literacy) und transparenter algorithmischer Rechenschaftspflicht.
Wichtige Fragen und Bedenken aus der Diskussion
- Wie stellen wir eine menschliche Überprüfung von KI-generierten Entscheidungen sicher?
- Wer ist für die Bewertung der Algorithmenqualität verantwortlich, und wie sollte diese erfolgen?
- Wie verhindern wir den Missbrauch von KI-Werkzeugen in rechtlich hochrelevanten Kontexten?
- Wie können wir Juristen und die Öffentlichkeit ausbilden, damit sie sich kritisch mit datengestützter Entscheidungsfindung auseinandersetzen?
Wege zu verantwortungsvoller Innovation in der Menschenrechtsjustiz
Die Schulung machte deutlich, dass die Einführung von KI in den Justizbereich nicht bloß ein technisches Upgrade ist – es ist eine tiefgreifende Transformation mit ethischen und rechtlichen Tragweiten. Es bedarf einer sorgfältigen, inklusiven und transparenten Entwicklung, um sicherzustellen, dass die Automatisierung der Gerechtigkeit dient, anstatt sie zu untergraben.
Für alle, die an einer vertiefenden Beschäftigung mit diesem wichtigen Thema interessiert sind, steht die vollständige Aufzeichnung der Sitzung auf dem YouTube-Kanal zur Verfügung – eine wertvolle Ressource für Forscher, Praktiker und Studierende gleichermaßen.
ASSEDEL