Das Recht auf Nahrung und Umweltschutz: Ein exklusives Interview mit der Europaabgeordneten Cristina Guarda

Meldung

Horizontal Cover Pages (YouTube & Website) (29)

In den letzten Jahren hat sich die öffentliche Debatte über Ernährung stark auf Landwirtschaft, steigende Preise und Nachhaltigkeit konzentriert. Eine rein wirtschaftliche Betrachtung von Ernährung birgt jedoch die Gefahr, eine grundlegende Tatsache zu übersehen. In einem exklusiven Interview sprach unsere Vereinigung mit der Europaabgeordneten (MdEP) Cristina Guarda darüber, warum Ernährungssicherheit als grundlegendes Menschenrecht anerkannt werden muss, vor welchen Herausforderungen die EU-Politik steht und wie eng Umweltschutz mit unserer Ernährung verbunden ist.

Ernährung: Ein Menschenrecht, keine Ware

Die Europaabgeordnete Cristina Guarda betont, dass Lebensmittel keine Ware, sondern ein Menschenrecht sind, das von den Vereinten Nationen und anderen wichtigen Institutionen anerkannt wird. Lebensmittel ausschließlich aus einer Marktperspektive zu betrachten, lässt ihren rechtlichen und moralischen Status außer Acht.

„Solange Lebensmittel wie eine Ware behandelt werden, wird die Marktlogik darüber entscheiden, wer sich gut ernähren kann und wer nicht“, erklärte Guarda. Sie verwies auf eine alarmierende Realität: Seit 2019 sind die Kosten für eine gesunde Ernährung um 35 % gestiegen, während die Löhne weitgehend stagniert haben.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, setzt sich Guarda für einen umfassenden europäischen Rahmen ein, der die Bedingungen für die Finanzierung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und für Handelsabkommen auf der Grundlage eines tatsächlichen Zugangs zu gesunden Lebensmitteln festlegt, anstatt sich ausschließlich auf Produktions- und Exporterfordernisse zu konzentrieren.

Bürger stärken: Die Initiative „Good Food for All“

Derzeit verfügt die Europäische Union über keinen eigenen gesetzlichen Rahmen für das Recht auf Nahrung. Um diese Lücke zu schließen, ermöglicht die Europäische Bürgerinitiative (EBI) „Good Food for All“ den Bürgerinnen und Bürgern, die Prioritäten der EU-Agenda direkt mitzugestalten.

Bei einem erfolgreichen Verlauf könnte diese Initiative konkrete Vorteile für verschiedene gesellschaftliche Gruppen bringen:

Für Bürgerinnen und Bürger: Der Zugang zu gesunden Lebensmitteln würde unabhängig vom Einkommen gewährleistet. Dies könnte den Weg für Instrumente wie garantierte Zugangsmodelle sowie eine hochwertige öffentliche Lebensmittelbeschaffung in Schulen und Krankenhäusern ebnen, um besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen zu unterstützen.

Für Landwirtinnen und Landwirte: Es würden faire und stabile Preise geschaffen, die unmittelbar an die Produktionskosten gekoppelt sind. Dies würde Landwirte davor schützen, durch Einzelhandelsspannen unter Druck zu geraten, und sie zugleich vor den Schwankungen der globalen Märkte bewahren.

Letztlich bringt diese Initiative die Anliegen und Kämpfe von Landwirten und Verbrauchern erfolgreich zusammen.

Hindernisse in der Europäischen Union Das Recht auf Nahrung zu einer konkreten politischen Priorität zu machen, ist mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Die Europaabgeordnete Cristina Guarda nennt drei zentrale Hürden innerhalb der EU:

1.Die Agrar- und Lebensmittellobby: Eine stärkere Ausrichtung auf einen Rahmen für das Recht auf Nahrung könnte die Gewinnmargen der mächtigen Agrar- und Lebensmittellobby verringern. Dadurch wird es schwieriger, das Gemeinwohl und das öffentliche Interesse über private Interessen zu stellen.

2.Institutionelle Fragmentierung: Derzeit werden Gesundheits-, Landwirtschafts-, Handels- und Sozialpolitik weitgehend getrennt voneinander behandelt. Die Europäische Bürgerinitiative (EBI) fordert die EU dazu auf, ihre Strategien über all diese unterschiedlichen Bereiche hinweg kohärent und ganzheitlich zu betrachten.

3.Das Narrativ „Wettbewerbsfähigkeit versus Rechte“: Ein irreführendes Narrativ, das Wettbewerbsfähigkeit den sozialen und grundlegenden Rechten gegenüberstellt, wird häufig genutzt, um Abkommen wie Mercosur oder das Omnibus-Vereinfachungspaket zu rechtfertigen. Dieser Ansatz verschiebt die sozialen und ökologischen Kosten letztlich in die Zukunft und belastet dabei insbesondere die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen und Kleinproduzenten.

PFAS-Verschmutzung und die Umwelt

Ausgehend von ihrem persönlichen Hintergrund in einer Region, die stark durch PFAS belastet ist, stellt Guarda einen klaren Zusammenhang zwischen dem Recht auf Nahrung und dem Umweltschutz her. Sie weist darauf hin, dass Landwirte zu den Bevölkerungsgruppen gehören, die der Umweltverschmutzung am stärksten ausgesetzt sind.

„Wir können keine guten Lebensmittel auf verschmutzten Böden und mit verschmutztem Wasser produzieren“, erklärte sie und bezeichnete diese Situation als zutiefst ungerecht gegenüber künftigen Generationen.

Da PFAS-Chemikalien äußerst langlebig sind und nicht einfach verschwinden, bedeutet der Kampf für das Recht auf Nahrung auch einen Kampf für unbelastete Böden und sauberes Wasser. Der Schutz der Umwelt ist nicht nur entscheidend, um heute eine sichere Lebensmittelproduktion zu gewährleisten, sondern auch, um die Gesundheit von Bürgerinnen und Bürgern, Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie Landwirtinnen und Landwirten über Generationen hinweg zu schützen.

Das vollständige Video können Sie hier ansehen.

Zurück zu Aktuelles