
Europa ist stolz auf seine demokratischen Standards. Doch genau dort, wo Demokratie für die meisten Bürgerinnen und Bürger beginnt – in Gemeinden, Städten und Regionen –, fehlt eine entscheidende Schutzebene. Die Europäische Menschenrechtskonvention garantiert freie Wahlen, allerdings nur für nationale Parlamente. Kommunal- und viele Regionalwahlen fallen nicht in ihren Geltungsbereich. Das bedeutet, dass Fälle von Wahlmanipulation oder Korruption, die wir in letzter Zeit immer häufiger beobachten, nicht vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt werden können. Dadurch entsteht eine erhebliche Lücke in der demokratischen Widerstandsfähigkeit Europas.
Jahrelang wurde diese Lücke als technische Einzelheit betrachtet. Heute entwickelt sie sich zu einer strukturellen Schwachstelle. In einer Zeit, die von politischer Polarisierung, Desinformation und ausländischer Einflussnahme geprägt ist, stellt sich daher zunehmend eine unausweichliche Frage: Tut Europa genug, um die Demokratie dort zu schützen, wo sie am stärksten gefährdet ist?
Eine erfahrene Stimme schlägt Alarm
Nur wenige Menschen beobachten Europas demokratische Landschaft so genau wie Stewart Dickson. Als langjähriges Mitglied des Kongresses der Gemeinden und Regionen des Europarates ist er als Berichterstatter zum Thema freier Kommunal- und Regionalwahlen tätig. Seine Arbeit führt ihn zu Wahlkommissionen, Gemeinderäten und in politisch angespannten Situationen auf dem gesamten Kontinent.
Während der 50. Sitzung des Kongresses der Gemeinden und Regionen hatte ASSEDEL die Gelegenheit, ausführlicher mit ihm über seinen Bericht zum Schutz von Kommunalwahlen zu sprechen. Dabei erläuterte er, warum diese Schutzlücke von Bedeutung ist.
Studien zeigen, dass lokale und regionale Institutionen in der EU ein größeres Vertrauen genießen als nationale Institutionen. Dieses Vertrauen gerät jedoch zunehmend unter Druck: „Dieses Vertrauen wird untergraben, wenn es böswillige Akteure, Organisationen oder Personen gibt, die versuchen, diese lokalen und regionalen Wahlen zu korrumpieren.“ Für Dickson ist die Schlussfolgerung eindeutig: Kommunal- und Regionalwahlen sollten denselben menschenrechtlichen Schutz genießen wie Parlamentswahlen.
Warum Kommunalwahlen zu einer Frontlinie geworden sind
Die jüngsten Beobachtungsmissionen des Kongresses zeigen, dass Kommunalwahlen nicht länger vor den umfassenderen Bedrohungen für die Demokratie geschützt sind. Manipulierte Wählerlisten, politisch beeinflusste Wahlverwaltungen, der Missbrauch öffentlicher Ressourcen und Druck auf Kandidatinnen und Kandidaten treten immer häufiger auf. Dickson bestätigt diese Entwicklung: „Kommunal- und Regionalwahlen stehen sehr stark an vorderster Front der Bedrohungen für die Demokratie.“
Ein wesentlicher Faktor ist der Wandel der Informationslandschaft. „Insbesondere in Bezug auf soziale Medien, die so stark lokal geprägt sind“, erklärt er. In der Vergangenheit waren die Menschen auf lokale Zeitungen oder gedruckte Materialien angewiesen. Heute kann Einfluss von überall herkommen. „Man bekommt schädliche Akteure in den sozialen Medien, sogar von außerhalb des eigenen Staates oder außerhalb der Region, in der die Wahl stattfindet.“ Die Auswirkungen auf die Wählerinnen und Wähler können erheblich sein: „Sobald man in den sozialen Medien auf etwas anspringt, bauen die Algorithmen darauf weiter auf.“
Dieses Beispiel zeigt deutlich, warum Kommunalwahlen besonders anfällig sind und weshalb das Fehlen eines rechtlichen Schutzes auf europäischer Ebene so besorgniserregend ist.
Georgien: Eine Warnung, die Europa nicht ignorieren kann
Auf die Frage nach einem konkreten Beispiel zögert Dickson nicht. „Die Situation beispielsweise in Georgien ist eine sehr schwierige“, sagt er. Der Erkundungsbesuch des Kongresses in Georgien im Jahr 2025 dokumentierte eine rasche Verschlechterung der demokratischen Bedingungen. Dickson fasst das Kernproblem zusammen: „Die Regierung hat zahlreiche Änderungen am Wahlrecht vorgenommen, von denen keine international bewertet wurde.“
Internationale Institutionen, darunter die Venedig-Kommission, haben Bedenken geäußert. „Organisationen wie wir oder die Venedig-Kommission sagen, dass die Art und Weise, wie diese Änderungen vorgenommen wurden, eindeutig darauf hinausläuft, den Wahlprozess zu korrumpieren.“ Die Folgen sind sichtbar: „Man hat Verhaftungen gesehen, Menschen wurden in Gewahrsam genommen, Bürgermeister wurden ins Gefängnis gebracht.“
Für Dickson zeigt Georgien, wie mächtig die Kräfte sein können, die die lokale Demokratie untergraben, und wie dringend stärkere Schutzmechanismen erforderlich sind. „Wenn Kommunal- und Regionalwahlen denselben menschenrechtlichen Schutz genießen würden wie Parlamentswahlen, dann würde das meiner Meinung nach dazu beitragen, die Demokratie in Zukunft zu stärken.“
Der neue Demokratiepakt: Ein starkes Signal, aber kein Schutzschild
Der neue Demokratiepakt des Europarates zielt darauf ab, demokratische Schutzmechanismen auf allen Ebenen der Regierungsführung zu stärken. Dickson betrachtet dies als einen wichtigen Schritt. „Der neue Demokratiepakt sendet ein sehr starkes Signal aus, dass wir diese Art von schleichender Präsenz schädlicher Einflüsse in den Wahlprozessen erkannt haben.“
Als Beispiel dafür, wie die Integrität von Wahlen untergraben werden kann, verweist er auf die jüngsten Entwicklungen in Serbien: „Hunderte, möglicherweise sogar Tausende von Personen, die eigentlich nur als Schein-Wahlbeobachter bezeichnet werden können, wurden dort eingesetzt – nicht, um die Wahl tatsächlich zu beobachten, sondern um die Menschen einzuschüchtern, die ihre Stimme abgeben wollten.“
Auch echte Wahlbeobachter waren betroffen: „Einige unserer eigenen unabhängigen Beobachter fühlten sich während der Beobachtung der Wahlen sehr unwohl.“ Der Pakt erkennt diese Bedrohungen an, schließt jedoch die bestehende Schutzlücke bei Kommunalwahlen bislang nicht.
Ein Aufruf zur Stärkung der lokalen Demokratie
Die Debatte über diese Schutzlücke ist längst keine rein technische Diskussion mehr, die ausschließlich Rechtsexperten vorbehalten ist. Sie entwickelt sich zunehmend zu einem entscheidenden Test für die demokratische Glaubwürdigkeit Europas. Kommunal- und Regionalwahlen sind der Ort, an dem demokratisches Vertrauen aufgebaut wird, politische Teilhabe beginnt und an dem Einflussnahme langfristig den größten Schaden anrichten kann. Wie die Warnungen von Stewart Dickson deutlich machen, kann es sich Europa nicht leisten, diese Regierungsebene als zweitrangigen Bereich zu behandeln.
Der neue Demokratiepakt zeigt, dass der Europarat das Ausmaß dieser Herausforderung erkannt hat. Doch allein ein Signal wird die bestehende Lücke nicht schließen. Wenn Kommunal- und Regionalwahlen denselben menschenrechtlichen Schutz wie nationale Wahlen genießen würden, würde dies nicht nur die rechtlichen Schutzmechanismen stärken, sondern auch ein grundlegendes demokratisches Prinzip bekräftigen: Jede Stimme verdient denselben Schutz – unabhängig davon, wo sie abgegeben wird.
Wenn Europa in einem Zeitalter der Desinformation, ausländischer Einflussnahme und schwindenden Vertrauens widerstandsfähig bleiben will, muss es die Demokratie dort stärken, wo sie tagtäglich gelebt wird. Der Schutz von Kommunalwahlen ist längst kein Nischenthema mehr – er ist ein Eckpfeiler demokratischer Sicherheit. Die entscheidende Frage ist nun, ob Europa mit der Dringlichkeit handeln wird, die die gegenwärtige Situation erfordert.
Das vollständige Interview finden Sie auf unserem YouTube-Kanal.
Sources
Dickson, S. (2026): Free Elections at Local and Regional Levels. A Fundamental Right to Strengthen Grassroots Democracy, https://search.coe.int/cm#{%22CoEIdentifier%22:[%2209125948802afc3c%22],%22sort%22:[%22CoEValidationDate%20Descending%22]
Dickson, S. (2026): Report on the fact-finding visit to Georgia (24-25 September 2025), https://search.coe.int/cm#{%22CoEIdentifier%22:[%2209125948802b27b6%22],%22sort%22:[%22CoEValidationDate%20Descending%22]
Groupe d’études géopolitiques (2022): The Scale of Trust: Local, Regional, National and European Politics in Perspective, https://geopolitique.eu/en/2022/07/13/the-scale-of-trust-local-regional-national-and-european-politics-in-perspective/
ASSEDEL