
Während der PACE-Sitzung im April in Straßburg nahm ASSEDEL Kontakt zu mehreren Mitgliedern und Vertreterinnen und Vertretern auf, mit dem Ziel, sich auf den Neuen Demokratischen Pakt zu konzentrieren, zu dem derzeit mehrere Arbeiten und Berichte vorbereitet werden.
Im Hinblick auf diesen Artikel erklärte sich die italienische Abgeordnete Valentina Grippo bereit, einige Fragen zu beantworten, die die oben erwähnte neue demokratische Initiative betreffen. Frau Grippo ist in der derzeitigen italienischen Legislaturperiode stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Kultur, Wissenschaft und Bildung. Darüber hinaus ist sie Mitglied der Delegation zur Parlamentarischen Versammlung des Europarates und vertritt dort die Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE).
Das Interview konzentrierte sich auf den Neuen Demokratischen Pakt sowie auf die wichtigsten Themen, die damit verbunden sind, darunter die Notwendigkeit eines verstärkten Kampfes für soziale Gerechtigkeit, die zunehmende Welle der Jugendbeteiligung sowie die Methoden zur Bewertung und Kontrolle von Plattformen.
Der gegenwärtige globale Kontext verdeutlicht einen erheblichen Rückgang der Qualität und Verbreitung demokratischer Institutionen. Grippo erklärt, dass sich nach den Erkenntnissen aus der Debatte über den Neuen Demokratischen Pakt der Anteil der Weltbevölkerung, die in vollständig demokratischen Systemen lebt, von 45 % auf 25 % verringert habe. Diese Zahl ist nicht lediglich ein quantitativer Indikator, sondern weist auf einen strukturellen Wandel hin: Demokratie kann nicht länger als eine stabile Voraussetzung betrachtet werden, sondern vielmehr als ein Gleichgewicht, das aufgebaut und verteidigt werden muss.
Demokratie und soziale Gerechtigkeit: eine untrennbare Verbindung
Einer der zentralen Punkte, die im Gespräch hervorgehoben wurden, betrifft die Unmöglichkeit, die Verteidigung der Demokratie von der Förderung sozialer Gerechtigkeit zu trennen. Die Stabilität demokratischer Systeme hängt in der Tat von ihrer Fähigkeit ab, Rechte, Gleichberechtigung und den Zugang zu Chancen zu gewährleisten. Grippo betont, dass eine Demokratie ohne soziale Gerechtigkeit grundsätzlich fragil ist: Ungleichheit untergräbt das Vertrauen in die Institutionen und beeinträchtigt eine wirksame Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. In diesem Zusammenhang sind der Schutz der Menschenrechte und die Verringerung sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten notwendige Voraussetzungen für demokratische Stabilität.
Vertrauenskrise und institutioneller Wandel
Die digitale Transformation und die Vereinfachung demokratischer Konzepte haben zu einem wachsenden Misstrauen gegenüber den Institutionen beigetragen. Dieses Misstrauen wird zudem durch die weit verbreitete Wahrnehmung verstärkt, dass die repräsentativen Institutionen den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger nicht ausreichend gerecht werden.
Nach Ansicht von Grippo müssen sich die Institutionen auf mehreren Ebenen weiterentwickeln. Dazu gehört, Entscheidungsprozesse schneller und reaktionsfähiger zu gestalten, einen pragmatischen und ergebnisorientierten Ansatz zu verfolgen sowie bürokratische Komplexität abzubauen.
Parallel dazu müssen die Mechanismen der Kontrolle, Auswahl und Transparenz verbessert werden, um Glaubwürdigkeit und Legitimität wiederherzustellen. Die Modernisierung der Institutionen ist daher nicht lediglich eine technische Frage, sondern eine Voraussetzung für die Wiederherstellung des Vertrauensverhältnisses zwischen Bürgerinnen und Bürgern und staatlicher beziehungsweise politischer Governance.
Neue Generationen und bürgerschaftliche Beteiligung
Ein Element des positiven Wandels zeigt sich in der zunehmenden Einbindung der jüngeren Generationen. Jüngste Mobilisierungen zu globalen Themen – von internationalen Konflikten bis hin zu ökologischen und sozialen Fragen – zeugen von einem starken Bedürfnis nach politischer und gesellschaftlicher Teilhabe.
Dieses Phänomen verdeutlicht ein Paradox: Angesichts von Institutionen, die als distanziert wahrgenommen werden, entwickelt sich eine zunehmend aktive Zivilgesellschaft – insbesondere unter jungen Menschen –, die bereit ist, Einfluss zu nehmen und Veränderungen herbeizuführen. Grippo versteht diese Dynamik als eine strategische Chance: Die Stärkung von Beteiligungsmöglichkeiten kann dazu beitragen, das demokratische System zu erneuern.
Zugang zu Wahlen und demokratische Inklusion
Unter den konkreten Vorschlägen nimmt die Frage des barrierefreien Zugangs zu Wahlen einen besonders wichtigen Stellenwert ein. Dazu gehören insbesondere die Erleichterung der Stimmabgabe für Personen, die sich außerhalb ihres Wohnortes befinden, die Prüfung einer Ausweitung des Wahlrechts auf 16-Jährige sowie die Förderung digitaler Lösungen für die Stimmabgabe. Ziel ist es, den demokratischen Prozess inklusiver und für die Bürgerinnen und Bürger greifbarer zu gestalten.
In diesem Zusammenhang erklärt Grippo: „Das Risiko möglicher demokratischer Verzerrungen oder Einflussnahmen ist geringer als das Risiko der Entfremdung und des Rückzugs aus der demokratischen Beteiligung.“
Politische Bildungswege und bürgerschaftliches Engagement
Im Hinblick auf die politische Bildung wird die Bedeutung schrittweiser und strukturierter Bildungs- und Beteiligungswege hervorgehoben. Die kommunale Ebene stellt laut Grippo einen grundlegenden Raum dar, um Verwaltungsprozesse konkret zu verstehen und entsprechende Kompetenzen zu entwickeln.
Gleichzeitig beschränkt sich bürgerschaftliches Engagement nicht auf institutionelle Strukturen: Es gibt vielfältige Formen der Beteiligung – von der kulturellen Produktion bis hin zum Schreiben –, die zur Gestaltung der „Polis“, verstanden als aktive Gemeinschaft, beitragen.
Kultur als demokratische Infrastruktur
Eine weitere strategische Säule ist die Kultur, die als Voraussetzung für Demokratie verstanden wird. Ein Bürger oder eine Bürgerin, der beziehungsweise die in der Lage ist, die Realität zu verstehen, zu analysieren und zu interpretieren, ist besser dazu befähigt, seine beziehungsweise ihre Rechte wahrzunehmen.
Grippo weist auf einen erheblichen Widerspruch hin: Obwohl der Kultursektor in Ländern wie Italien und Frankreich etwa 7 % des BIP ausmacht – und damit mehr als der Automobil- und der Agrarsektor –, werden Kulturpolitiken häufig auf reine Unterhaltungspolitik reduziert.
Digitale Plattformen und Governance von Inhalten
Die Rolle digitaler Plattformen stellt eine der komplexesten Herausforderungen dar. Einerseits besteht ein wachsender Bedarf an Maßnahmen zur Bekämpfung von Phänomenen wie Hassrede, Menschenrechtsverletzungen und Risiken für Minderjährige. Andererseits wirft die Übertragung von Aufsichtsbefugnissen Fragen hinsichtlich der Transparenz und Unparteilichkeit der angewandten Kriterien auf.
Grippo betont die Notwendigkeit eines ausgewogenen Ansatzes, der automatisierte Systeme mit menschlicher Aufsicht verbindet. Gleichzeitig müssen gemeinsame Standards und klare Kriterien festgelegt werden, die eine angemessene Ausbildung sowie die Neutralität der mit der Moderation betrauten Personen gewährleisten. Die globale Reichweite digitaler Plattformen erschwert zudem die Anwendung einheitlicher Maßstäbe, da sich Wertvorstellungen und Bewertungssysteme von Kultur zu Kultur unterscheiden.
Europäische Dimension und supranationale Zusammenarbeit
Im Rahmen des Neuen Demokratischen Pakts tritt die zentrale Bedeutung der europäischen Dimension deutlich hervor. Sie weist auf die Notwendigkeit hin, die Rolle supranationaler Institutionen wie des Europarats und der Europäischen Union zu stärken und sie gleichzeitig vor einer politischen Instrumentalisierung auf nationaler Ebene zu schützen.
Die Schaffung einer wirksamen europäischen Governance erfordert einen Ansatz, der die Logik der Konfrontation und des politischen Lagerdenkens überwindet und stattdessen eine gemeinsame Vision verfolgt, die auf den Schutz demokratischer Werte ausgerichtet ist.
Abschließend tritt eine bereichsübergreifende Priorität besonders deutlich hervor: die Bildung. Unsere Gesprächspartnerin betonte, dass der Zugang zu Bildung die Grundlage für eine bewusste und informierte demokratische Teilhabe bildet. Investitionen in Schulen bedeuten daher, Ungleichheiten zu verringern und aktives bürgerschaftliches Engagement zu fördern.
Darüber hinaus zeigt die vorliegende Analyse, dass die Krise der Demokratie nicht auf einen einzelnen Faktor zurückgeführt werden kann, sondern auf eine Reihe miteinander verbundener gesellschaftlicher, technologischer, kultureller und institutioneller Veränderungen. In diesem Szenario besteht die zentrale Herausforderung darin, die gegenwärtigen kritischen Entwicklungen in Chancen für Erneuerung zu verwandeln und widerstandsfähigere, inklusivere und anpassungsfähigere demokratische Modelle zu schaffen.
Sie können das vollständige Interview auf unserem YouTube-Kanal ansehen.
ASSEDEL